Vortrag Patrick Müller, Tarifexperte & Geschäftsführer der PraxisExperts AG, SAoO Light am 2. Mai 2026, Zürich
Einführung TARDOC
Liebe Leserinnen und Leser
Rund 120 Tage nach Einführung von TARDOC und der ambulanten Pauschalen lässt sich erstmals eine belastbare Zwischenbilanz ziehen. Die Umstellung verlief insgesamt stabiler als vielerorts erwartet. Gleichzeitig zeigt sich aber zunehmend, wo die eigentlichen Herausforderungen der kommenden Monate liegen werden.
Insbesondere in der Ophthalmologie beobachten wir derzeit eine vergleichsweise stabile Situation bei den klassischen diagnostischen TARDOC-Leistungen. Deutlich mehr Diskussionen entstehen hingegen rund um ambulante Pauschalen, Interpretationen von inkludierten Leistungen sowie statistische Fragestellungen im Zusammenhang mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen.
Mit diesem Newsletter möchte ich einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen, Beobachtungen und Risiken aus den ersten Monaten geben – sowie einen Ausblick auf die bereits in Vorbereitung stehende Tarifversion 2027.
Ein insgesamt gelungener Start
Aus meiner Sicht darf festgehalten werden, dass die Einführung von TARDOC operativ insgesamt gut gelungen ist. Viele Arztpraxen konnten die Umstellung deutlich stabiler bewältigen als ursprünglich befürchtet. Grössere Schwierigkeiten zeigten sich teilweise im spitalambulanten Bereich, insbesondere bei technischen Prozessen und der Integration der neuen Tariflogik.
Die Rechnungsverarbeitung bei den Versicherern funktioniert grundsätzlich. Auch die Vergütung der eingereichten Rechnungen läuft in den meisten Fällen stabil. In den ersten Monaten standen vor allem technische Rückweisungen im Vordergrund. Typische Ursachen waren:
- fehlende Fachbereiche
- nicht korrekt hinterlegte GLN-Nummern
- fehlende Bezugsziffern
- Diagnosecodes auf Positionsebene
- technische Grouper-Probleme
Inhaltliche Rückweisungen waren bislang eher selten. Das dürfte sich jedoch verändern.
Ich gehe davon aus, dass viele Versicherer in den kommenden Monaten deutlich stärker in die vertiefte inhaltliche Prüfung einsteigen werden. Das betrifft insbesondere Kombinationen von Leistungen, Zeitleistungen, Leistungen in Abwesenheit sowie Fragestellungen rund um ambulante Pauschalen.
Gerade deshalb empfehle ich, Rückweisungen bereits heute sehr kritisch zu analysieren und tariftechnisch sauber zu argumentieren. Der Tarifbrowser der FMH bleibt dabei eines der wichtigsten Instrumente.
Weitere Informationen:
FMH Tarifbrowser
FMH Ambulante Tarife
Ambulante Pauschalen bleiben die grösste Herausforderung
Während viele klassische ophthalmologische TARDOC-Leistungen relativ wenig Probleme verursachen, zeigen sich bei ambulanten Pauschalen
weiterhin erhebliche Unsicherheiten.
Besonders häufig diskutiert werden derzeit:
- inkludierte Voruntersuchungen
- Leistungen in Abwesenheit
- Berichte nach Eingriffen
- Triggerpositionen
- korrekte ICD-10-Zuordnung
Gerade im Bereich intravitrealer Injektionen wird regelmässig die Frage gestellt, ob Voruntersuchungen Bestandteil der Pauschale seien oder separat verrechnet werden dürfen.
Die Realität ist differenzierter.
Selbst innerhalb der Tariforganisation bestehen teilweise keine vollständig transparenten Grundlagen dazu, welche Kostenbestandteile ursprünglich effektiv in die Fallkosten eingeflossen sind. Entscheidend bleibt letztlich die medizinische Indikation und die konkrete klinische Situation.
Wichtig erscheint mir jedoch folgender Punkt:Organisatorische oder rein abrechnungstechnische Gründe genügen aus meiner Sicht nicht als Begründung für eine separate Leistungserbringung.
Hier dürften die Diskussionen mit Versicherern in Zukunft weiter zunehmen
Wirtschaftlichkeitsverfahren werden an Bedeutung gewinnen
Ein Thema, das aktuell aus meiner Sicht noch unterschätzt wird, betrifft WZW-Verfahren und statistische Auswertungen.
Viele Praxen interpretieren die Bezahlung eingereichter Rechnungen als Bestätigung der Wirtschaftlichkeit. Das ist jedoch nicht zwingend der Fall.
Versicherer arbeiten zunehmend mit statistischen Verfahren und Tarifcontrolling-Modellen. Dabei werden insbesondere Facharztkollektive miteinander verglichen.
Beispielsweise können folgende Konstellationen statistisch auffällig werden:
- höhere Durchschnittskosten pro Patient
- häufigere Verrechnung bestimmter Leistungen
- auffällige Kombinationen von Untersuchungen
- überdurchschnittliche Zeitleistungen
Das bedeutet ausdrücklich nicht automatisch, dass eine Praxis unwirtschaftlich arbeitet. Praxisbesonderheiten werden statistisch häufig nur beschränkt berücksichtigt.
Gerade deshalb werden Dokumentation und medizinische Indikation künftig noch wichtiger werden.
Ich empfehle Praxen deshalb:
- regelmässige Datenauswertungen
- Vergleich mit Vorjahren
- Monitoring eigener Leistungsprofile
- frühzeitige Analyse statistischer Auffälligkeiten
Ophthalmologie: Licht und Schatten
Für die Ophthalmologie zeigt sich nach den ersten Monaten insgesamt ein eher positives Bild.
Insbesondere diagnostische Leistungen wurden teilweise leicht besser bewertet als unter TARMED. Gleichzeitig entstehen mit neuen Positionen zusätzliche Möglichkeiten in der Bildgebung und Diagnostik.
Positiv hervorzuheben sind beispielsweise:
- OCT-Angiografie
- neue OCT-Positionen
- Schnittbildaufnahmen
- hochfrequente Mikroskopieverfahren
Demgegenüber bestehen weiterhin Herausforderungen:
- Diskussionen um IVI-Pauschalen
- Unsicherheiten bei inkludierten Leistungen
- deutlich tiefere Vergütung orthoptischer Leistungen
- unterschiedliche Interpretationen zwischen Versicherern
Insgesamt gehört die Ophthalmologie aus meiner Sicht eher zu den Fachgebieten, bei denen die Einführung von TARDOC vergleichsweise gut funktioniert hat.
Version 2027 ist bereits in Vorbereitung
Die Tariflandschaft bleibt weiterhin stark in Bewegung.
Die OAAT AG hat die Arbeiten an der Version 2027 bereits abgeschlossen. Insgesamt wurden über 450 Anträge eingereicht. Je nach Fachgebiet wird dies teilweise zu relevanten Änderungen führen.
Für die Ophthalmologie besonders relevant:
- Verfeinerung einzelner Vitrektomie-Pauschalen
- neue Subpauschalen
- Anpassungen bei Katarakt-Eingriffen
- höhere Kostensätze in einzelnen Bereichen
- Diskussionen um AL-Leistungsobergrenzen
Ein wichtiger Punkt betrifft die vom Bundesrat geforderte Obergrenze für ärztliche Leistungen pro Arbeitstag.
Nach aktuellem Stand soll künftig ein durchschnittliches AL-Limit auf Basis von TARDOC-Positionen pro Arzt innerhalb von 30 Tagen gelten. Leistungen, die über ambulante Pauschalen vergütet werden, wären davon nicht betroffen.
Ob und wie diese Mechanismen später effektiv kontrolliert und sanktioniert werden, bleibt derzeit noch offen.
Mein Fazit nach den ersten 120 Tagen
TARDOC ist insgesamt deutlich stabiler gestartet als vielfach erwartet. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt jedoch erst jetzt.
Während die ersten Monate vor allem technisch geprägt waren, rücken nun zunehmend inhaltliche Fragestellungen, Wirtschaftlichkeitsprüfungen und Interpretationen in den Vordergrund.
Gerade im Bereich der ambulanten Pauschalen ist weiterhin mit Diskussionen und Unsicherheiten zu rechnen.
Für Augenarztpraxen werden aus meiner Sicht insbesondere vier Punkte entscheidend sein:
- saubere medizinische Dokumentation
- kritische Analyse von Rückweisungen
- Kenntnis der Tariflogik
- frühzeitige Vorbereitung auf Version 2027
Die kommenden Monate dürften tarifpolitisch äusserst spannend bleiben.
Freundliche Grüsse
Patrick MüllerTarifexperte & Geschäftsführer
PraxisExperts AG