Sehtraining im Sport: wirksam oder überschätzt? - Professor Daniel Mojon

Gutes Sehen ist eine wichtige Voraussetzung für nahezu alle sportlichen Disziplinen. Die visuellen Anforderungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Während statische Präzisionssportarten wie Schiessen oder Bogenschiessen nur geringe Anforderungen an das Bewegungssehen stellen, gehört die Fähigkeit, schnelle Objekte präzise zu verfolgen, in Sportarten wie Baseball, Tennis, Tischtennis oder Eishockey zu den leistungsbestimmenden visuellen Faktoren. Athleten müssen Bewegungen früh erkennen, Geschwindigkeiten und Flugbahnen einschätzen sowie innerhalb von Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen (1,3). Darüber hinaus ist gutes Sehen insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten ein wichtiger Sicherheitsfaktor, etwa im Ski- oder Radsport (7).

Dass Spitzensportler bei visuellen und perzeptiv-kognitiven Aufgaben häufig bessere Leistungen zeigen als Nichtsportler, ist wissenschaftlich gut belegt (1,2,6). Sie erkennen relevante Informationen schneller, richten ihre Aufmerksamkeit gezielter auf entscheidende Reize und treffen unter Zeitdruck bessere Entscheidungen. Die Frage ist jedoch, wodurch diese Fähigkeiten entstehen.

Genau hier beginnt die Kontroverse um das sogenannte Sehtraining. Anbieter spezieller Trainingsprogramme versprechen Verbesserungen von Reaktionszeit, Auge-Hand-Koordination oder sportlicher Leistungsfähigkeit durch gezielte Augenübungen. Tatsächlich konnten einzelne Studien Verbesserungen bei visuellen Testverfahren nachweisen (4,5). So berichteten Clark und Mitarbeiter über Verbesserungen visueller Leistungsparameter und des Schlagdurchschnitts bei Baseballspielern nach einem visuellen Trainingsprogramm (4). Solche Studien sind jedoch meist klein, sportartspezifisch und methodisch heterogen.

Entscheidend ist die Frage, ob Verbesserungen in visuellen Tests tatsächlich zu einer besseren sportlichen Leistung führen. Hier bleibt die Evidenz begrenzt. Eine viel zitierte Meta-Analyse von Mann und Mitarbeitern kam bereits 2007 zum Schluss, dass die überlegenen visuellen Fähigkeiten von Spitzensportlern vor allem das Ergebnis langjähriger sportartspezifischer Erfahrung sind (6). Experten lernen, relevante Informationen schneller zu erkennen und effizienter zu verarbeiten. Diese Fähigkeiten entstehen primär im Training und Wettkampf selbst und weniger durch isolierte Sehübungen.

Auch neuere Übersichtsarbeiten kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Visuelle Funktionen sind grundsätzlich trainierbar, doch der Transfer allgemeiner Sehübungen auf die tatsächliche sportliche Leistung ist bislang nur unzureichend belegt. Die überzeugendsten Effekte zeigen Trainingsformen, die direkt in die jeweilige Sportart eingebettet sind und Wahrnehmung, Antizipation und Entscheidungsfindung unter realistischen Bedingungen fördern (6).

Für Augenärzte ergibt sich daraus eine pragmatische Schlussfolgerung: Die wichtigste Massnahme bleibt eine optimale Sehkorrektur sowie der Schutz der Augen vor Verletzungen und UV-Strahlung (7). Spezifische Sehtrainingsprogramme können im Einzelfall ergänzend eingesetzt werden, sollten aber nicht als Wundermittel betrachtet werden. Die beste Schule für sportrelevantes Sehen ist meist noch immer der Sport selbst.

Literatur
1. Abernethy B. Visual search strategies and decision-making in sport. Int J Sport Psychol. 1987;18:49–63.
2. Laby DM, Kirschen DG, Govindarajulu U. Visual performance of professional baseball players. Am J Ophthalmol. 1996;122:476–485.
3. Uchida Y, Kudoh D, Higuchi T, Honda M, Kanosue K. Dynamic visual acuity in baseball players is due to superior tracking abilities. Med Sci Sports Exerc. 2013;45:319–325.
4. Clark JF, Ellis JK, Bench J, Khoury J, Graman P. High-performance vision training improves batting statistics for University of Cincinnati baseball players. PLoS One. 2012;7:e29109.
5. Schwab S, Memmert D. The impact of a sports vision training program in youth field hockey players. J Sports Sci Med. 2012;11:624–631.
6. Mann DTY, Williams AM, Ward P, Janelle CM. Perceptual-cognitive expertise in sport: a meta-analysis. J Sport Exerc Psychol. 2007;29:457–478.
7. Mearza A. Snow, Speed and Sight. EuroTimes. ESCRS, 2025.