Ein Nachruf:
Der Künstler Reto Kern

Sie sind stets ein Blickfang. Es sind Skulpturen von Augen aus unterschiedlichsten Materialien: mal aus Metall, mal aus Kunststoff und mal aus Holz – in einem Fall gestaltet aus einem alten Weinfass, das vor dem Schicksal des Verrottens bewahrt wurde und die Metamorphose zu einem Kunstobjekt erleben durfte. Die Plastiken waren auf mehreren Kongressen der Swiss Academy of Ophthalmology (SAoO) zu sehen und ziehen in einer ganzen Reihe von Augenarztpraxen die Blicke der Patienten auf sich.

Der Schöpfer der Kunstwerke heisst Reto Kern und stammte aus der Ostschweiz – präziser gesagt aus St. Gallen, wo er 1958 geboren wurde. Kern besuchte die Kunstgewerbeschule in seiner Heimatstadt und arbeitete zunächst als Dekorationsgestalter. Über rund 40 Jahren folgte er als Künstler seinem Motto: „Ich will den Menschen so einfach wie möglich darstellen, in klaren Linien.“ Das gilt für seine Zeichnungen ebenso wie für seine dreidimensionalen Objekte: „Kaufte mir eine Motorsäge und hab angefangen, Skulpturen zu machen. Später kam Stahl dazu. So sind die Figuren entstanden. Hab nie lange überlegt, was ich mache. Anfangen und entstehen lassen. Das mache ich noch heute so.“

Nicht studieren, sondern machen – so beschrieb Kern seine Spontaneität. Wenn auch kein Studieren, so war es dennoch eine persönliche Erfahrung, die sein Interesse an einem ganz speziellen Teil des menschlichen Körpers stimulierte. Kern war erst Anfang 50, als sich bei ihm eine Katarakt bemerkbar macht. Eigentlich, so sagte er rückblickend, hätte er schon nicht mehr Autofahren dürfen. Die beiden Operationen bei Daniel Mojon, der ihm während der Eingriffe jeden Schritt erklärte, seien eines der fantastischsten Erlebnisse seines Lebens gewesen. Mit den beiden implantierten Intraokularlinsen nahm er die Welt als kristallklar wahr, konnte Farben in einer Leuchtkraft erkennen wie schon seit Jahren nicht mehr. Kern schenkte seinem Operateur zum Dank eines seiner Werke, was Mojon den Wunsch äussern liess, er möge das Organ Auge zum Objekt weiterer Skulpturen machen. Dem ist der Künstler in der Folge nachgekommen.

Mit den beiden implantierten Intraokularlinsen nahm er die Welt als kristallklar wahr, konnte Farben in einer Leuchtkraft erkennen wie schon seit Jahren nicht mehr. Kern schenkte seinem Operateur zum Dank eines seiner Werke, was Mojon den Wunsch äussern liess, er möge das Organ Auge zum Objekt weiterer Skulpturen machen. Dem ist der Künstler in der Folge nachgekommen.

Reto Kern

Die durch die Kataraktoperation gestärkte Schaffenskraft liess Reto Kern nicht ruhen - trotz seines eingeschränkten Gesundheitszustandes: zunächst wurde eine MS diagnostiziert, dann ein Krebsleiden. Er lernte das heimische Gesundheitswesen zu schätzen: „Gerade bei der ärztlichen Betreuung ist mir bewusst geworden, welches Privileg es ist, in der Schweiz zu leben. Ich kann nur hoffen, dass sich viele Schweizer auch darüber im Klaren sind.“
Einige seiner Werke stehen in den USA, bestellt meist von Nachfahren Schweizer Auswanderer, die von seinem Oeuvre gehört haben. Sein Rückblick war wie der Mann, knapp, kantig und ehrlich: „Froh, dass ich das gemacht habe, was ich konnte. Und lernfähig bleiben, auch im Alter. Veränderungen wahrnehmen und zulassen. Meine Figuren, Skulpturen und Malereien sind alles Handwerk. Werde oft gefragt, was ich denke beim «dran arbeiten». Weiss es doch selber nicht. Mache einfach, und das ist mir genug. Wenn etwas entsteht, das anderen gefällt, freut es mich.” Reto Kern ist nach langer Krankheit im Februar kurz vor seinem 68.Geburtstag in St. Gallen verstorben.
 
Ronald D. Gerste